Corona

«Ich habe mal von einem Theaterbesuch geträumt», sagte Niklas Hardenberg grinsend. «Wissen Sie? Die Masken ändern sich!»
Das Projekt kam zum Erliegen, dessen war ich mir sicher. Nichts ging mehr, aber ich hatte nun einen Dämon an meiner Seite, in meinem Ohr, in meinem Kopf. Manche erzählen, sie gingen mit einem Känguru durch die Welt, ihr Känguru ist lustig und ironisch und macht sie berühmt, mein Känguru ist ein Dämon, nicht lustig, vielleicht ironisch, meistens zynisch. Ich wollte schon seit längerem mein Verhältnis zum Zynismus überdenken, schließlich habe ich einen Hundefreund, der mich zum Hundefreund gemacht hat. Ich bin absolut kynophil geworden. Hardenberg aber macht es mir kein bißchen einfach, den Zynismus für mich neu zu definieren. «Nun brauchen Sie eine Atemschutzmaske.»
«Ich weiß», sagte ich kurz angebunden.
«Die Freiheit stirbt mit einer Maskerade. Wer hätte das gedacht? Wir wollten doch über die freie Kulturszene nachdenken, sie erforschen und daraus eine Kultur der Freiheit ableiten.»
«Im Moment ruht alles», sage ich.
«Ruhe alles in Frieden», sagt Hardenberg.
«Wie ging denn Ihr Traum?», frage ich, die Ablenkung gelingt und er erzählt:
«Ich bin in einem Theater, die Farben Rot, Gelb und das Dunkel beherrschen die Atmosphäre. Jemand steht an einem blauen Pult und hält eine Rede; zwischendurch ist er auf einer anderen Bühne - dort ist es Grau in Grau, alles sehr dunkel, finster, möchte ich sagen, dort versucht er ein weißes Bettlaken auf der Bühne auszubreiten und redet vor sich hin, er hört sich fast so an, als würde er vor sich hin schimpfen, wie jemand, der mit seinem Schicksal hadert: "Theater!", ruft er "Theater! Alles nur Theater!" Dann ändert sich seine Stimmlage: "Pah! Arbeit ist es!» Dann sehe ich ihn wieder hinter seinem Pult stehen. Dort redet er larmoyant. Er hat eine klebrige Mischung aus Larmoyanz und Charme - ein ekelhafter Typ! Dort erklärt er irgendetwas - es soll sich wohl um ein Projekt handeln, ich verstehe aber nicht, was es für ein Projekt sein soll. Auch fehlt das Publikum. Die Stühle vor ihm leer. Er spricht vor einem imaginären Publikum. Ich möchte ihn verstehen, am Pult sind Buch und Brille. Ich trete an ihn heran, erst bemerkt er mich nicht, dann erschrickt er. Er will nicht, dass ich da bin. Aber ich habe das Gefühl, er nennt immer und immer wieder meinen Namen. Und wenn ich mit ihm in Kontakt treten will, erschrickt er, als habe er den Leibhaftigen vor sich, schwitzt und stottert, will mich weghaben. Ich will aber nicht weg, ich will ihn verstehen. Ich nehme ihm sein Buch weg, blättere darin herum, darin sind Bilder, grauenhafte Bilder von einem, der sich Grauenhaftes ausdenkt und auf einer Schreibmaschine schreibt und die Figuren des Grauens kreisen um seinen Schreibtisch herum. Ich denke, er ist paranoid, es geht um Frauen, aber plötzlich hält er mitten in seinem Vortrag inne - der Mann am Pult - ich frage mich, ob er derselbe Mann ist wie der im Buch und bin mir schon nicht ganz sicher, ob es auch derselbe ist auf der Theaterbühne, wo ich ihn sagen höre: "Arbeit ist es!" Dann wird er nachdenklich auf der Bühne, da ist auch ein Hocker, er setzt sich auf den Hocker und fragt: "Wann verlor die Arbeit ihre Unschuld?" "Die Arbeit war nie unschuldig", möchte ich ihm sagen und ihn fragen, ob er denn die Vertreibung aus dem Paradies nicht kenne; ich möchte mit ihm einen Dialog, aber wieder am Pult verweigert er sich. Ich nehme ihm seine Brille weg, er soll endlich von seinem Manuskript abweichen, an das er sich sowieso nicht richtig hält. Er liest nicht ab, er improvisiert doch sowieso. Ich nehme ihm das Blatt mit der Rede weg, die Brille, das Blatt und da ist auch ein roter Schal. Den nehme ich ihm auch weg! Demonstrativ setze ich mich auf einen der leeren Stühle, da kommt eine Gruppe: drei Frauen und ein kleines Mädchen - vielleicht zwölf, ein Kind. Drei Frauen und ein zwölfjähriges Mädchen kommen. Ich frage mich, ob sie sich nicht im (T)Raum geirrt haben! Aber dieser larmoyante Schleimbeutel begrüßt die Frauen freundlich, lädt sie ein, ihm zuzuhören. Sie tun, was er sagt. Warum machen sie das? Das kleine Mädchen flüstert einer der Frauen etwas zu. Sie ist seine Mutter, glaube ich. Nun sitzen sie alle da und ich habe den roten Schal in der Hand. Der Typ ist nicht Herr der Lage, er kommt und will mir den Schal wegnehmen, als wäre er das wichtigste Utensil seines Denkens überhaupt, als hätte ich einem Arzt sein Stethoskop weggenommen. Meine Güte! Dann nimm den blöden Schal halt wieder! Mir liegt nichts an dem roten Schal. Aber ach! Jetzt verstehe ich etwas! Ich verstehe, was der Mann sagt, obwohl er nichts sagt: er ist am Rednerpult und weint. Warum das denn jetzt? Er hat doch seinen blöden roten Schal wieder bekommen von mir, sein Buch ist auch auf dem Pult und der Zettel mit der Rede auch, obwohl er so wichtig nicht sein kann. Ich verstehe, dass er auf das Sonnengleichnis anspielt - auf Platons Sonnengleichnis. Ich sage, mir sei die Wahrheit scheißegal! In ihrem Namen habe man schon zu viele Verbrechen gerechtfertigt. Ich will keine Inquisition. Er weint am Pult und die Frauen schauen ihm zu. Das Mädchen spielt mit seinem Handy. Ihm ist die Wahrheit auch egal. Der Mann will, dass die Sonne die Arbeit durchflute als die Idee des Guten, die zur Freiheit und Kreativität führe. Und dann lobt er eine Frau, aber nicht eine von den anwesenden. Die Sheherezade aus 1001-Nacht soll heldenhaft sein. Ich solle verschwinden und sie solle kommen, fleht er und bricht am Pult zusammen. - Das ist mein Traum.»
«Ungewöhnlich», sage ich in sachkundigem Ton, «Träume enden selten, sie brechen eher ab. Aber Ihr Traum scheint ein Ende zu haben.»
«Weiß nicht», antwortet Hardenberg und stellt dann die Gretchenfrage: «War Arbeit je unschuldig?»

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